Deutschland & Welt · Faktenwissen
Wo werden in Europa neue Kernkraftwerke gebaut?
Auch: Hinkley Point C · Flamanville · Olkiluoto 3 · AKW-Neubau Europa
Kurzantwort
Europas Neubau-Bilanz der 2020er: zwei EPR-Erstlinge endlich am Netz (Olkiluoto 3 im Jahr 2023, Flamanville 3 Ende 2024), eine Großbaustelle in Verzug (Hinkley Point C) – und eine ungewöhnlich lange Liste beschlossener Projekte von Prag bis Warschau. Die gemeinsame Erfahrung der Erstlinge: 13 bis 17 Jahre Bauzeit und ein Mehrfaches der Budgets. Die offene Wette des Jahrzehnts: Ob Serieneffekte (EPR2, koreanische und amerikanische Designs) die europäische Baustellen-Misere brechen.
Die Lektionen der Erstlinge – und warum trotzdem bestellt wird
Die drei EPR-Referenzen lesen sich wie eine Warnliste: Olkiluoto 3 brauchte 18 Jahre statt vier und trieb den Anbieter Areva in die Zerschlagung; Flamanville sammelte 17 Jahre und gut das Vierfache des Budgets; Hinkley Point C verdoppelte seine Kosten schon vor der Halbzeit – finanzierbar nur durch einen auf 35 Jahre garantierten Abnahmepreis, der seinerseits Dauerkritik erntet. Dass Osteuropa dennoch bestellt, hat drei nüchterne Gründe: Kohleausstieg ohne Gas-Alternative (Polen), russische Abhängigkeit kappen (Tschechien ersetzt geplante Rosatom-Optionen – der Zuschlag ging 2024/25 nach hartem Bieterstreit an Südkoreas KHNP, das mit Barakah in den Emiraten als einziger westlich verfügbarer Anbieter Termintreue vorweisen kann) und schlict fehlende Flächen-Alternativen im eigenen Netzprofil. Die eigentliche Systemfrage der 2030er lautet daher: Wiederholt Europa mit EPR2 und Co. die Erstlings-Erfahrung – oder greift der Serien-Effekt, den Korea vorlebt? Die deutschen Kosten-Einträge dieses Lexikons hängen direkt an dieser Antwort.
Eine Randnotiz mit Symbolkraft: Auch die Schweiz diskutiert seit 2024/25 die Aufhebung ihres Neubauverbots, Schweden hat Finanzierungsrahmen für neue Reaktoren beschlossen, und Belgien verlängerte statt auszusteigen – das europäische Pendel schwingt sichtbar, nur eben in Jahrzehnt-Frequenz.
Kurz-Fakten
- Olkiluoto 3 (EPR, 1.600 MW): Netz April 2023 – erster West-Neubau seit 15 Jahren; Bauzeit ≈ 18 Jahre.
- Flamanville 3 (EPR): Netz Dezember 2024 – 17 Jahre Bau, Kosten von 3,3 auf > 13 Mrd. € (Rechnungshof: 19+ inkl. Finanzierung).
- Hinkley Point C (2 × EPR): Kosten > 30 Mrd. £ (2015: 18), Fertigstellung ≈ 2029–2031; Finanzierung per 35-Jahre-Abnahmepreis.
- Tschechien: Dukovany-Neubau an KHNP vergeben (Vertrag 2025) – Referenz: Barakah/VAE termingerecht.
- Polen: Erstprojekt mit Westinghouse (AP1000) an der Ostseeküste – Bauvorbereitung läuft.
- Pendel-Bewegungen: Schweden (Finanzierungsgesetz), Niederlande (2 Reaktoren geplant), Belgien (Verlängerung), Schweiz (Verbots-Debatte).
Zahlenbasis: Projektangaben EDF/TVO/EDF Energy, Regierungsbeschlüsse, IAEA
Einordnung
Europas Neubau-Kapitel ist ein Realexperiment mit offenem Ausgang: Die Erstlinge bewiesen, dass es geht – und was es kostet; die Bestellwelle testet nun, ob daraus eine lernende Serie oder eine Wiederholung wird. Für die deutsche Zuschauerrolle heißt das: Die Nachbar-Baustellen liefern in den 2030ern genau die Kosten- und Termindaten, an denen sich jede hiesige Wiedereinstiegs-Fantasie messen lassen muss.
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Stand: Juli 2026 · Geprüft von SEO NW