Wirtschaft & Debatte · Faktenwissen
Was kostet Atomstrom wirklich?
Auch: Kosten Kernenergie · LCOE Atomkraft · Atomstrom-Preis
Kurzantwort
Die ehrliche Antwort hat zwei Zahlen: Strom aus abgeschriebenen Bestands-Kernkraftwerken gehört mit grob 3 bis 5 Cent pro Kilowattstunde zum günstigsten überhaupt – Strom aus westlichen Neubauten mit etwa 14 bis 22 Cent zum teuersten. Beide Debattenlager zitieren also korrekt – nur eben verschiedene Kraftwerke. Die Kostentreiber der Neubauten sind Bauzeiten, Kapitalkosten und Erstlings-Effekte, nicht der Brennstoff.
Warum Neubauten so teuer wurden – und was die Gegenseite einwendet
Die westlichen Referenzprojekte sprechen eine klare Sprache: Flamanville 3 in Frankreich brauchte 17 Jahre Bauzeit und rund das Vierfache des Budgets (von 3,3 auf über 13 Milliarden Euro, Netzanschluss Ende 2024), die beiden Vogtle-Blöcke in den USA kosteten zusammen über 30 Milliarden Dollar, Hinkley Point C liegt bei mehrfach korrigierten Kosten und Terminen. Da Kernkraftwerke fast nur Kapitalkosten haben, wirken Verzögerungen doppelt – jedes Bauzeit-Jahr verteuert die Kilowattstunde spürbar. Die Einwände der Befürworter gehören zur fairen Bilanz: Südkorea und China bauen nachweislich für einen Bruchteil (Serieneffekte, andere Genehmigungs- und Lohnstrukturen), reine Erzeugungskosten ignorieren Systemkosten wie Speicher und Netze bei wetterabhängigen Quellen, und Bestandsanlagen weiterzubetreiben ist fast überall die billigste CO₂-arme Option. Ungelöst bleibt beiderseits: Endlager- und Rückbaukosten sind eingepreist, aber langfristig unsicher – und kein privater Investor baut derzeit ein westliches KKW ohne massive staatliche Absicherung.
Kurz-Fakten
- Bestandsanlagen: ≈ 3–5 ct/kWh Betriebskosten – Laufzeitverlängerungen sind fast überall die günstigste CO₂-arme Option.
- Westliche Neubauten: ≈ 14–22 ct/kWh (Richtwerte, u. a. Lazard LCOE 2024) – Kapitalkosten dominieren.
- Referenzprojekte: Flamanville 3 (17 Jahre, ~4-faches Budget, Netz 2024), Vogtle 3+4 (> 30 Mrd. $), Hinkley Point C (mehrfach verteuert).
- Gegenposition mit Substanz: Südkorea/China bauen deutlich billiger; Systemkosten-Vergleiche fallen je nach Methodik anders aus.
- Brennstoff ist Nebensache: Uran macht nur wenige Prozent der Stromkosten aus.
- Rückbau und Endlagerung sind (in DE über den KENFO-Fonds) eingepreist – ihre Langfristkosten bleiben unsicher.
Zahlenbasis: Lazard LCOE 2024, IEA, Projektdaten EDF/Georgia Power/EDF Energy
Einordnung
Der Kostenstreit ist kein Faktenstreit, sondern ein Bezugsrahmen-Streit: „billig“ stimmt für den Bestand, „teuer“ für den westlichen Neubau – wer eine der beiden Zahlen weglässt, argumentiert selektiv. Die eigentlich spannende Frage lautet deshalb nicht „billig oder teuer?“, sondern: Können Serienfertigung (SMR) oder andere Bauregime die Neubau-Kurve brechen? Die Beweislast liegt bei den laufenden Projekten.
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Stand: Juli 2026 · Geprüft von SEO NW