Wirtschaft & Debatte · Faktenwissen
Hat der Atomausstieg den Strompreis erhöht?
Auch: Strompreis Atomausstieg · Merit-Order · Börsenstrompreis
Kurzantwort
Der ehrliche Befund: Ja, der Wegfall der letzten Kernkraftwerke wirkt preiserhöhend – aber als kleiner Effekt in einem Markt, dessen Preisspitzen von Gas gemacht werden. Modellrechnungen beziffern den Effekt der drei letzten Blöcke auf wenige Prozent bzw. einstellige Euro pro Megawattstunde am Großhandelsmarkt. Die Explosion von 2021/22 hatte einen anderen Absender: den Gaspreis – über die Merit-Order setzt das teuerste benötigte Kraftwerk den Preis für alle.
Was sich seriös beziffern lässt – und was Talkshow-Arithmetik bleibt
Drei Rechnungen sortieren die Debatte. Erstens der direkte Mengeneffekt: Die letzten drei Blöcke lieferten zuletzt rund 6 Prozent des deutschen Stroms; ihr Ersatz durch teurere Grenzkraftwerke verschiebt den Börsenpreis in Modellstudien (u. a. von Energiewirtschafts-Instituten beider Debattenseiten) um Größenordnung 1 bis 5 Prozent bzw. einstellige Euro pro Megawattstunde – real, aber weit entfernt von den Preiskapriolen der Krise, in der sich Großhandelspreise zeitweise verzehnfachten. Zweitens der Haushaltsblick: Beim Endkundenpreis dämpfen Netzentgelte, Steuern und Umlagen jeden Erzeugungseffekt zusätzlich – pro Kilowattstunde bleiben rechnerisch Zehntelcents. Drittens die Gegenprobe Frankreich: Dessen niedrige Verbraucherpreise sind primär reguliert (Preisdeckel, staatlicher EDF-Verlustausgleich) – als Marktbeweis taugen sie nur begrenzt, wie umgekehrt der Sommer 2022 zeigte, als das Kernkraftland Rekord-Börsenpreise hatte, weil die halbe Flotte stillstand. Unseriös bleibt damit beides: den Ausstieg zum Hauptschuldigen der Strompreise zu erklären – und ihn für kostenlos. Er war ein bewusst bezahlter Preis; über seine Höhe darf man streiten, über seine Existenz nicht.
Kurz-Fakten
- Marktmechanik: Merit-Order – das teuerste benötigte Kraftwerk (meist Gas) setzt den Preis für alle Anbieter.
- Krise 2021/22: Verzehnfachung der Großhandelspreise durch Gas – vor dem Abschalttermin der letzten AKW.
- Letzte drei Blöcke: ≈ 30 TWh/Jahr ≈ 6 % der Erzeugung – Modellstudien: Preiseffekt einstellige €/MWh bzw. wenige %.
- Endkundenpreis: Effekt zusätzlich verdünnt durch Netzentgelte, Abgaben, Vertrieb – Größenordnung Zehntelcents/kWh.
- Frankreich-Vergleich: Verbraucherpreise stark reguliert; 2022 zeigte Börsen-Rekordpreise trotz (wegen ausfallender) Kernkraft.
- Zweiteffekte: mehr Importstunden und höhere Redispatch-/CO₂-Kosten – real, aber ebenfalls im kleinen Prozentbereich.
Zahlenbasis: Modellstudien (u. a. EWI, Enervis), Bundesnetzagentur, EPEX-Daten
Einordnung
Die Strompreisfrage ist der Eintrag, in dem Neutralität am meisten Zahlenarbeit kostet: Der Ausstiegs-Effekt ist real, klein und seriös bezifferbar – die Preiskrise war ein Gas-Ereignis. Wer nur einen der beiden Sätze zitiert, führt keine Energiedebatte, sondern einen Wahlkampf; dieses Lexikon liefert bewusst beide.
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Stand: Juli 2026 · Geprüft von SEO NW